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Geschichtliche Entwicklung Wardenburgs

Im Jahre 1995 feierte Wardenburg seinen 725. Geburtstag. Auf den folgenden Seiten erfahren Sie etwas über die wechselvolle geschichtliche Entwicklung Wardenburgs.

2. und 3. Jahrhundert

Auf die Vor- und Frühgeschichte an Hunte und Lethe hat die Archäologie zahlreiche Hinweise geliefert. So wurden im Laufe der letzten Jahrzehnte zwischen Oberlethe und Westerholt wiederholt Keramikscherben oder Eisenteile gefunden. Eine Grabung auf dem "Speckkamp" bei Westerholt brachte es schließlich an den Tag: Schon zu Zeiten der römischen Kaiser siedelten hier Germanen.
Ein weiterer Fund aus dieser Zeit ist der sogenannte "Prachtmantel" aus dem Vehnemoor. An einem Apriltag des Jahres 1880 stieß ein Torfgräber bei Littel auf eine kleine Bronzeschale und einige unansehnliche Stoffreste. Die Bedeutung des Fundes erschloß sich den Fachleuten erst Jahrzehnte später. Die Stoffreste fügten sich zu einem fürstlichen Prachtmantel zusammen, der schon bald als "eisenzeitlicher Textilfund mit Webarbeiten von größter Seltenheit" gilt. Sowohl Mantel als auch Schale dürften aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammen. Besitzer war vermutlich ein chaukischer Edelherr. Der Prachtmantel wurde durch eine alte Webtechnik nachgebildet und kann im Naturkundemuseum in Oldenburg besichtigt werden.

9. Jahrhundert

Im "Winkel" der nordöstlichen Ecke des Lerigaus entsteht mit "Westonstedi", dem heutigen Westerburg, eine der ersten Eschsiedlungen. Um 890 wird Westerburg im Heberegister der Reichsabtei Werden an der Ruhr als wüst verzeichnet - der kleine Ort mit seiner schlichten Holzkirche und den fünf Häusern ist vermutlich von Normannen zerstört worden.
Zum Zeitpunkt der Zerstörung Westerburgs besteht etwas weiter westlich bereits eine weitere Siedlung: Littel. Acht Bauern aus dem Ort haben Abgaben an ein Kloster zu entrichten. Zu Westerburg und Littel gesellt sich gut zwei Jahrhunderte später Tungeln; "Tunglo" wird erstmals 1160 in einem Güterverzeichnis erwähnt, das Bischof Philipp von Osnabrück aufstellen läßt.

13. Jahrhundert

In den mittelalterlichen Urkunden aus dem 13. Jahrhundert werden Adlige u. a. aus Astrup, Herbergen (Oberlethe) und Tungeln genannt. Sie gehören zu den Dienstmannen des Grafen von Oldenburg.
 Erste urkundliche Erwähnung Wardenburgs. Aus der Urkunde  vom 30. Juni 1218 geht hervor, daß zu diesem Zeitpunkt sieben Höfe zur Westerburger Kirche - sie wurde von den Rittern von Holte neu errichtet - gehören; einer dieser Höfe liegt in "Wardenberge".
Die Kapelle von Wardenburg - sicher von den inzwischen recht selbstbewußten Dienstmannen gegründet - wird erstmals erwähnt (1268).
Um 1270 entfaltet Junker Rotbert von Westerholt rege Aktivitäten. Zunächst setzt er dem Grafen von Oldenburg an der Lethe eine Burg vor die Nase; die Wardenburg. Dabei wird der rebellische Junker von den Grafen von Welpe und Bruchhausen unterstützt. Kurz darauf zieht er mit seiner Schar, dem sogenannten Westerholtschen Ritterbund, gegen Oldenburg. Erst eine vom Grafen entfachte Feuersbrunst veranlaßt die Angreifer zum Rückzug. In der Tungeler Marsch stehen sich die Gefolgschaften von Graf und Junker gegenüber. Der Graf entscheidet den Machtkampf für sich; für einige der Ritter und Knappen unter Rotberts Anhängern endet er im Oldenburger Burgturm.

14. Jahrhundert

Zerstörung der Wardenburg durch die Söldner, 1342, des Bischofs von Münster. Übrig bleibt nicht viel mehr als der Schlußstein eines Gewölbes, der heute in der Wardenburger Kirche als Taufstein dient.
1359 haben die Oldenburger Grafen die Westerburg als Ersatz für die zerstörte Wardenburg an der ins Münsterland führenden Straße errichtet. Sie schützt die Zollstätte und dient als Sitz des gräflichen Amtmannes. 
 

15. Jahrhundert

Im 15. Jahrhundert werden die Bewohnerinnen und Bewohner des Kirchspiels mehrfach Leidtragende von Konflikten, die die Oldenburger Grafen mit dem Grafen von Hoya oder dem Bischof von Münster austragen. Dabei bleibt kaum ein Dorf verschont; 1423 trifft es Wardenburg und Westerburg, 1454 werden Astrup und Hundsmühlen verwüstet und 1471 brennt Littel.

14. - 16. Jahrhundert

Ein "wunderthätiges Muttergottesbild" in der Kirche zu Wardenburg wird zum Ziel unzähliger Wallfahrer. Fromme Schenkungen und "mittelalterliche Bankgeschäfte" füllen die Kirchenkasse. Erst mit der Reformation endet um 1524 die Geschichte Wardenburgs als Wallfahrtsort. Graf Anton von Oldenburg nutzt nun die Gunst der Stunde und zieht einen Großteil des kirchlichen Vermögens ein. Die Kirche selbst wird in der Münsterschen Fehde von 1538 zerstört und erst vierzig Jahre später wieder aufgebaut - der neue Kirchenbau geriet allerdings ein wenig schmuckloser.

17. Jahrhundert

m September 1623 lagert Tilly, der Heerführer der kaiserlichen Liga, mit seinem Troß - 25.000 sollen es gewesen sein - auf dem Wardenburger Esch. Die von vielen befürchtete Konfrontation mit seinem Gegenspieler, dem Grafen Mansfeld, bleibt aus. Dieser hat sich im nahen Ostfriesland verschanzt. Nach drei Wochen können die Wardenburgerinnen und Wardenburger endlich aufatmen: Tilly zieht ab, um im Hessischen sein Winterquartier aufzuschlagen. In Wardenburg geht man nun ans Aufräumen, weil - so ein zeitgenössisches Dokument - "die Kriegsleute in Kirchen, Pfarr und Schulen alles entzwey geschlagen hatten".
Erneut - wie schon mehrfach zuvor - wütet die Pest, "so daß allein in dem Kirchdorf über 200 daran gestorben." Im Jahre 1668 setzt das "geschwinde Sterben" ein weiteres Mal ein.

18. - 19. Jahrhundert

Zu den Besonderheiten der jüngeren Wardenburger Geschichte zählt die Hollandgängerei. Jahr für Jahr machen sich Wanderarbeiter aus dem Kirchspiel auf den Weg ins benachbarte Holland, um dort als Torfgräber, Grasmäher und später vor allem als Stukkateure zu arbeiten. Als eine der Hauptursachen für den Hollandgang (wie auch die Auswanderung) gilt das starke Bevölkerungswachstum. Daneben spielen naturräumliche Unterschiede - hier unkultivierte Flächen, dort fruchtbare Böden - sowie das starke wirtschaftliche Gefälle eine Rolle.
Die Gemeinheitsteilungen und Verkoppelungen im 19. Jahrhundert verändern das Gesicht der Landschaft, machen aus Brinksitzern Bauern und tragen - neben der Einführung des Kunstdüngers - erheblich zur Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge bei.
Mit dem Bau des Hunte-Ems-Kanals und der Erschließung von Moor- und Heideflächen werden schließlich die Voraussetzungen für die Gründung zahlreicher neuer Siedlungen geschaffen.

20. Jahrhundert

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde geprägt durch die beiden Weltkriege. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg nutzte das Oldenburgische Militär, Infanterie, Artillerie und Dragoner, das Gelände der heutigen Gemeinde Wardenburg in Westerholt und Achternmeer vor den Toren der Stadt Oldenburg.
Die Jahre zwischen 1898 und dem Ersten Weltkrieg gelten als "Blütezeit der Kultivierung". Bis 1935 wurden Charlottendorf, Hundsmühlen, Westerholt, Benthullen und Harbern I offiziell vom damaligen Siedlungsamt gegründet.
Im Inflationsjahr 1923 wurde Roggen gegen Seife, Butter gegen Schuhe getauscht.
Mit dem Ergebnis von 72 % für die NSDAP bei der Reichstagswahl am 05.03.1933 wurden die Nationalsozialisten ein Machtfaktor in der Gemeinde. Neben "Sonnenwendfeiern", "Flaggenparaden", "Deutscher Abend" usw. war der Alltag der NS-Zeit jedoch auch geprägt von Kundgebungen der Nationalsozialisten und Verfolgungen.
Der Zweite Weltkrieg brachte den Einwohnern Wardenburgs und den Menschen in den Dörfern Elend und Not - wie überall. Unmittelbar nach Kriegsende lag in Wardenburg jegliche Entscheidungsgewalt in den Händen der alliierten Kommandostellen.
Nachhaltig verändert hat sich die Bevölkerungsstruktur durch die Zuweisung und Zuwanderung von Flüchtlingen und Vertriebenen. 1950 bestand die Bevölkerung etwa zu einem Drittel aus Vertriebenen und Flüchtlingen.
Die Entwicklung der Industrie und des Handwerks in Handel und Dienstleistung hat nach dem Zweiten Weltkrieg ein ungewöhnliches Wachstum gezeigt. Dennoch - wie eh und je - dominieren in Wardenburg die kleineren Betriebe. Unzählige Einwohner/innen organisieren sich in Vereinen und Verbänden. Das Spektrum reicht von Volkstanz- und Theatergruppen über den Wirtschaftsförderungsverein bis hin zu Vereinen, die sich den Schutz der Natur oder den Erhalt historischer Kultur zum Ziel gesetzt haben. Darüber hinaus bestehen Partnerschaften mit der Gemeinde Eelde/Niederlande und Röbel/Mecklenburg-Vorpommern.